[Interview] Automatisierung passgenau in Anwendung bringen

Nissrin Heymann hat die SmartFactoryOWL in Lemgo seit ihrer Entstehung in verschiedenen Rollen begleitet. Seit Mitte 2025 ist die studierte Wirtschaftingenieurin nun als Business Developerin Automatisierung und Digitalisierung des Fraunhofer IOSB für das Geschäftsfeld insgesamt zuständig – und spricht im Interview über aktuelle Eindrücke, Arbeitsfelder und Branchentrends.

Ein wichtiger Ansatz ist Test-before-Invest. In der SmartFactoryOWL oder der Karlsruher Forschungsfabrik etwa können Unternehmen neue Technologien in realitätsnaher und geschützter Umgebung ausprobieren.

Frau Heymann, was verändert sich mit Ihrer neuen Rolle?
Vor allem die standortübergreifende Zusammenarbeit. Mein Schwerpunkt lag lange im Mittelstandstransfer in der Region Ostwestfalen-Lippe. Jetzt weitet sich der Blick auf das gesamte Geschäftsfeld – also auch auf die Standorte Karlsruhe und Ilmenau. Viele Kundenfragen lassen sich nicht an einem einzelnen Standort beantworten; es geht darum, Kompetenzen zusammenzubringen. Ich bin in der SmartFactoryOWL verwurzelt und habe ihren Aufbau über mehr als zehn Jahre begleitet. Dabei ist der Transfer in die Industrie das übergeordnete Ziel. Genau das liegt mir: mit Unternehmen Wege in Richtung Digitalisierung, KI, Digitaler Zwilling oder Automatisierung zu entwickeln – mit Blick auf die konkrete Anwendung.

Welche Themen beschäftigen die Unternehmen derzeit besonders?
Aus meiner Sicht ganz klar KI und KI-Robotik. Der Automatisierungsbedarf in Deutschland ist weiterhin hoch, und KI eröffnet neue Möglichkeiten. In der Produktion geht es darum, variantenreiche Prozesse flexibler zu automatisieren. Wenn Produkte häufig wechseln oder Losgrößen klein sind, lohnt sich klassische Automatisierung oft nicht mehr. KI-basierte Ansätze können solche Anwendungen wirtschaftlicher und robuster machen. Aber auch Verwaltungsprozesse, Kundenkontakt, Service und Kundendienst werden mittels KI stärker automatisiert werden. Entscheidend ist die Frage: Wo entsteht echter Nutzen, und wie lässt sich dieser zuverlässig erschließen? Wenn KI- und Automatisierungslösungen überall angeboten werden: Wann ist das Fraunhofer IOSB der richtige Partner? Wenn Unternehmen über verfügbare Off-the-shelf-Lösungen hinausgehen wollen. Unsere Stärke ist, den Stand der Technik weiterzudenken und für konkrete Anwendungen nutzbar zu machen. Viele Unternehmen haben spezifische Prozesse, Produkte oder Randbedingungen, die maßgeschneiderte Lösungen erfordern, die wir mit ihnen gemeinsam entwickeln, anpassen und erproben. Zugleich arbeiten wir in Forschungsprojekten an Themen, die erst in einigen Jahren im Produktivbetrieb ankommen werden – etwa industrielle Datenräume, KI-gesteuerte Produktionssysteme oder humanoide Robotik. Diese Verbindung aus Forschung, industrieller Praxis und langfristiger Technologieentwicklung ist unsere besondere Stärke.

Wie können Unternehmen den Einstieg praktisch gestalten?
Ein wichtiger Ansatz ist Test-before-Invest. In der SmartFactoryOWL oder der Karlsruher Forschungsfabrik etwa können Unternehmen neue Technologien in realitätsnaher und geschützter Umgebung ausprobieren. Sie können eigene Produkte, Prototypen oder Prozessideen einbringen, Robotiklösungen testen oder prüfen, welche Technologie für einen geplanten Einsatz geeignet ist. Das hilft, Orientierung zu gewinnen: Was ist technisch möglich? Wo lohnt sich eine Investition? Wo müssen Produkt oder Prozess noch angepasst werden? Wir bringen Testinfrastruktur, methodisches Wissen und Projekterfahrung ein.
Das funktioniert übrigens nicht nur für die Industrie, sondern auch sehr gut im Handwerk. Handwerksbetriebe sind oft klein, entscheiden schnell und gehen pragmatisch an neue Technologien heran, auch an KI. Aus scheinbar kleinen Projekten entstehen dann Lösungen, die durchaus übertragbar sein können. Genau darin liegt für mich gutes Business Development: technologische Möglichkeiten und konkrete Bedarfe so zusammenzubringen, dass daraus tragfähige Lösungen entstehen.

Dieses Interview ist dem Newsletter InfOSB, Ausgabe 1/2026, entnommen. Die Fragen stellte Ulrich Pontes.

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